Transalp: Oberstdorf – Comer See

Transalp von Oberstdorf an den Comer See

Vor wenigen Jahren bin ich zusammen mit Philippe meine erste Alpenüberquerung mit dem Mountainbike nach Bozen über die Lamsenhütte, Weidener Hütte, Pfitscher Joch, Brixen gefahren. Ich war fasziniert, wie schnell sich die Vegetation während nur eines Tages ändert, wie steinig die Auffahrten und wie grasig die Abfahrten sein können. Die Abhängigkeit von Wetter und Tagesform macht eine Alpenüberquerung mit dem Fahrrad zu einem zerbrechlichen Unterfangen, das, wenn es glückt, ein großartiges Erlebnis ist.

Wir wollen im Juli 2023 von Oberstdorf zum Comer See in Italien fahren. Unsere Fahrräder sind dank unseres Freundes Dominik perfekt gewartet, unsere Rucksäcke sind gepackt. Die Deutsche Bahn spuckt uns mit unseren Rädern in Oberstdorf im Allgäu am Bahnhof aus, wir verbringen im Fideliushaus bei der Familie Loas eine Nacht.

21

Juli 2023

Von Oberstdorf über den Schrofenpass bis nach Dalaas

Am nächsten Tag regnet es. Unser Gastvater lacht uns als begeisterter Bergradler an und meint: „Desch ghört dazu“. Wir ziehen unsere Regenhosen und die Jacken an und radeln uns im Rappenalptal im Süden von Oberstdorf ein. Die Sicht ist passabel, der Regen fällt gerade ohne Wind auf uns herab und wir schultern bald unsere Räder über den Schrofenpass. An engen Stellen gibt es Seilverankerungen, an denen wir uns festhalten können. Erfreut, über diesen sportlichen Einstieg in unsere Transalp, tappen wir zügig den kleinen Steinpfad, teils mit Eisenstufen versehen, empor. Am Pass empfängt uns eine Wanderfamilie mit den Worten: „Macht DAS wirklich Spaß?“. Wir nicken und essen Schokokekse.

Der Regen macht die Kalksteine schmierig und unsere Abfahrt vom Schrofenpass geht dementsprechend langsam voran. In Lech legen wir uns bei Pizza und Apfelschorle trocken und radeln dann über Zug und den Formarinsee zur Freiburger Hütte. Wir sind jetzt in Vorarlberg im Lechquellgebirge und verbringen die Nacht in Dalaas am Arlberg.

22

Juli 2023

Über den Kristbergsattel bis zur Neuen Heilbronner Hütte

Um 9:00 Uhr schlüpfen wir in trockene Fahrradschuhe und hoffen, dass sich daran erstmal nichts ändert. Die Auffahrt zum Kristbergsattel tritt sich lässig weg. Während des stetigen Auf und Ab im Silbertal unterhalten wir uns über die wichtigsten Themen auf einer Transalp: Brotzeit, Bike und Beine.

Wir tauchen nicht nur geographisch ins Europaschutzgebiet Verwall ein, sondern auch mit Fuß und Fahrrad. Die Moorlandschaft um den Langen See herum ist sumpfig, wir schieben unsere Räder oder tragen sie und hüpfen damit von Stein zu Stein. Nach zwei Stunden erreichen wir eine feste Fahrstraße und kurbeln locker mit unseren leichten MTB den steilen Moränenrücken zur Neuen Heilbronner Hütte hoch. Dort essen wir Krut- und Keesspätzli und schlafen tief und fest in einem 6-Bett-Zimmer.

23

Juli 2023

Bergab nach Galtür und über Ischgl zur Heidelberger Hütte

Von der Neuen Heilbronner Hütte düsen wir zum Zeinisjoch und über Galtür nach Ischgl. Heute ist Sonntag, aber wir haben während unserer Vorbereitung zuhause auf dem Sofa einen Supermarkt auf GoogleMaps gefunden, der uns bis 12 Uhr mit Quarktaschen, Keksen und Nektarinen versorgt.

Von dort aus folgen wir einem Forstweg ins Fimbatal 1000 Höhenmeter auf die Heidelberger Hütte. Wir kommen dort schon um 14 Uhr an. Der Wirt scherzt mit uns und bittet uns, dass wir uns in Ischgl im Tal für die Übernachtung anmelden müssen. Gleichzeitig begrüßt er uns mit einem Stamperl Schnaps.

Unsere Hüttenschlafsäcke müssen wir in der Küche abgeben. Wegen Bettwanzen-Alarm werden alle Hüttenschlafsäcke durch die Mikrowelle geschickt. Ich frage mich, ob Bettwanzen in der Mikrowelle so laut wie Mikrowellenpopcorn aufpoppen und muss lachen. Der Hüttenwirt verkündet nach dem Abendessen den Wetterbericht im Speisesaal und rät zum frühen Aufbruch am nächsten Tag. Es soll ab Nachmittag Gewitter geben.

24

Juli 2023

Über den Fimbapass und durch die Uina-Schlucht zur Sesvenna Hütte

Noch vor 7:00 Uhr starten wir mit einer Schiebepassage auf den Fimbapass. Kurz vor 8:00 Uhr klatschen wir uns am Pass in die Hände, sehen die dunkelgrauen Wolken über uns, fahren sofort ins Val Sinestra, ein kleines Nebental des Unterengadins, auf einem flowigen und trockenen Trail ab und schaffen es bis zu einem Hüttchen bei Griosch. Ein Gewitter prasselt auf uns nieder und wir stehen trocken unter einem großen Sonnenschirm und eröffnen ein zweites Frühstück. Wir warten die letzten Regentropfen ab und rollen bis ans Ende des Tals nach Ramosch. Von oben kommt kein Wasser mehr, aber die Straßen sind nass und unsere Reifen wirbeln Sand und Schmutz durch die Luft, sodass wir paniert werden.

Ab Sur En im Unterengadin in der Schweiz biegen wir südöstlich in das Uina-Tal ein. Das Wetter ist instabil und die Wolken sehen bedrohlich dunkel aus. Wir sind uns nicht sicher, wie weit wir heute kommen. In Sur En entdecken wir eine Pension mit Leuchtschrift „Zimmer frei“. Wir erinnern uns beide, dass wir im Zweifel dort hin zurückkehren können.

Einige Schokokekse später wird unser Fahrweg schmäler und steiler und wir sehen in die Uina Schlucht hinein. Ein Weg wurde in den Felsen wie eine Galerie gesprengt. Eine solche Schlucht habe ich noch nie gesehen und „unsere“ Höllentalklamm in Garmisch kommt mir winzig vor. Es tropft von allen Seiten und es rauscht der Wasserfall. Wir schieben beeindruckt unsere Fahrräder durch die Schlucht. Manche Stellen sind steil und wir tragen kurz. Nach 500 Höhenmetern kommen wir aus der Schlucht heraus und münden in ein großflächiges grünes Plateau. Kurzzeitig hellt es auf, fünf Minuten später zieht dicker Nebel auf, wir erkennen unsere einzige Alpenhauptkammpassage, den Schlinigpass nicht und düsen immer unserem Track hinterher gen Sesvennahütte.

Ohne Navigation hätten wir die Hütte übersehen. Wir übernachten auf der Sesvennahütte und essen Kartoffel mit Speck und Ei. Mit uns am Tisch sitzt Melinda, eine Schweizerin aus Basel. Sie liebt Knödel, schwärmt von der Südtiroler Küche und erzählt uns von pünktlichen Zügen und sauberen Waggons in der Schweiz.

25

Juli 2023

Vom Val Müstair über das Val Mora ins Val Viola

Am nächsten Tag holen wir die verpasste Aussicht nach und sehen in der Abfahrt von der Sesvennahütte durch das Schlinigtal den Ortler mit Gletscher. Er ist wunderschön. Wir kommen im Vinschgau in Südtirol aus dem Schlinigtal an, biegen ab Schleis ins Münstertal ein und fahren bis Santa Maria. Wir sehen einen kleinen Bäcker und Tante-Emma-Laden und kaufen Vinschgerl mit Käse und weitere Kekse ein. Die Hälfte verzehren wir bereits mit Vinschgauer Sonne und cremen uns mit Sonnencreme ein. Wir verlassen das Münstertal und biegen ins Val Mora ein. Die Bäume sehen saftig grün aus und unser Weg ist steinig und wurzelig zugleich.

Es donnert, Philippe fährt einige Meter hinter mir, ruft nach mir und winkt. Gemeinsam suchen wir uns das größte Vordach eines Hüttchens und drücken uns an die Wand. Wenige Sekunden später startet Platzregen mit 5 mm großen Hagelkörnern. Nach diesem nassen Intermezzo düsen wir am Nationalpark Stilfser Joch, am Passo di Fraele ins Val Viola. Von dort geht es noch einige hundert Höhenmeter auf das ehemalige Kasernengebäude Rifugio Val Viola.

Das Rifugio liegt direkt an zwei Seen auf einem grünen Plateau. Der Regen hat aufgehört und der Wind weht meine nassen Haare trocken. Dort bleiben wir über Nacht. Wir sind aufgrund des Wetters nur sechs Gäste. Als Vorspeise gibt es Polenta mit Geschnetzeltem. Die Hautspeise ist Polenta mit Wurst. Dann serviert uns die nette Hüttenwirtin Käse und als Nachspeise essen wir Kuchen. Hinterher erfahren wir, dass es dieses Menü jeden Tag gibt – seit Jahren. 

26

Juli 2023

Über den Passo di Val Viola und Tirano an den Comer See

Nach dem Frühstück zeigt das Thermometer an der Hütte 5 °C. Wir ziehen uns alles an, was wir dabeihaben und pedalieren vom Rifugio Val Viola zum Passo di Val Viola. Es schneit leicht in dünnen Flocken. Dort starten wir unsere 2000 Höhenmeter lange Abfahrt durch das Val da Camp. Zunächst ist das Gelände verblockt und es geht ruppig bergab, wenig später fahren wir über trockene Wurzeln und mittelgroße Steine. Die Sonne scheint uns ins Gesicht und je mehr Höhe wir verlieren, desto mehr Kleidung ziehen wir aus.

In Puschlav angekommen, fahren wir auf der Straße am Puschlaver See vorbei bis Tirano. Die Bergamasker Alpen lassen wir im Süden liegen und düsen am Fluss Adda auf Fahrradwegen entlang durch das Veltlin 80 km bis zum Comer See. Es hat mittlerweile über 30°C, wir füllen in regelmäßigen Abständen unsere Fahrradflaschen auf und Philippe fährt für mich Windschatten.

Am späten Nachmittag stehen wir mit weißen, nackten Füßen im Comer See. Unsere Waden und Unterarme sind braun, unsere Gesichter rot. Wir sind müde, sehr glücklich und sehen noch eine Weile den Kite-Surfern am See zu. 

Epilog

In Summe sind wir in 6 Tagen 350 km und 9.000 Höhenmeter geradelt. Wie viele Schokokekse wir gegessen haben, verraten wir nicht.

Text: Christl