Tour de Soleil und Tödi

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April 2021

Die Tour de Soleil ist eine Skidurchquerung mit Start in Realp bei Andermatt in der Schweiz über den Kanton Tessin und Ende im Binntal im Wallis. Uns faszinieren Skidurchquerungen, weil man alles Nötige selbst trägt und auf den Wegen von Hütte zu Hütte an einsame Plätze gelangt.

Folglich parken wir unser Auto Ende März in Realp und steigen zur Rotondohütte auf. Die Sonne scheint, es hat 20°C, meine Skitourenhose klebt an meinen Beinen und ich schwitze. Die Tour de Soleil heißt eigentlich Sonnentour, weil die Route in den Südwesten verläuft und man überwiegend Sonnenhänge abfahren kann. Bei diesen Temperaturen hat sich auf alle Fälle noch eine weitere Bedeutung.

Wir übernachten auf der Rotondohütte und wollen auf den Pizzo Rotondo. Nach dem Witenwasserengletscher und gleichnamigen Pass stapfen wir über ein Schneeband das Couloir hinauf. An der Scharte oben angekommen, halten wir uns am Grat oben entlang und erreichen den Gipfel. Ich konzentriere mich auf meine Tritte und versuche in Philippes Spuren zu treten. Oben angekommen sehen wir das Schweizer Bergparadies in Weiß. Der Gipfelbereich bietet wenig Platz, ich halte mich am Gipfelkreuz fest und drehe mich in alle Richtungen.

Vom Pizzo Rotondo fahren wir ins Bedretto Tal an der Capanna Piansecco vorbei ab. Über den stumpfen Schnee können wir nicht lang gleiten und so kleben wir unsere Felle unter unsere Ski und queren die Hänge. Gegen 16 Uhr erreichen wir die Capanna Corno Gries. Andrea, die Hüttenwirtin begrüßt uns auf der Terrasse mit Namen, weil wir die letzten Gäste sind, die sie heute erwartet. Die moderne Holzkonstruktion der Hütte mit Panoramafenstern macht die Gaststube so hell, dass ich meine Sonnenbrille auf der Nase lasse. Das Holz duftet sogar in den Lagern und andere Gäste spielen Würfelspiele. Zu essen gibt es einen Auflauf aus dem Ofen mit selbst gemachten Nudeln, Bohnen und Käse. Wir essen den ganzen Teller leer und Andrea gibt uns grinsend Nachschlag.

Am nächsten Morgen starten wir um 6:00 Uhr über den Griessee und den Griesgletscher zum Blinnenhorn auf 3.374 m Höhe. Unsere Rucksäcke werden langsam leichter, weil wir kontinuierlich Müsliriegel, Salami und Brot verspeisen. Wir freuen uns über unsere realistische Essenkalkulation für die 4 Tage. Außerdem ist noch etwas Schokolade für das Mittagstief übrig.

Weil wir Gletscher mit Gletscherspalten überqueren, haben wir unsere Gletscherausrüstung dabei: Seil, Gurt, Karabiner, Eisschraube und die nötigen Bandschlingen. Außerdem baumelt bei Philippe und mir jeweils eine Umlenkrolle mit Rücklaufsperre am Gurt, mit der wir im Notfall einen Flaschenzug bauen können, um uns gegenseitig aus der Spalte zu ziehen. Der Griesgletscher ist jedoch mit hartem Schnee bedeckt, auf dem wir fast keine Spuren hinterlassen. Wie eine Betonplatte versiegelt die Schneeschicht jegliche Spalten und wir verzichten auf eine Seilsicherung zwischen uns.

Vom Gipfel des Blinnenhorns geht es zunächst bergab und über den Hohsandgletscher zum Hohsandhorn wieder hinauf. Längst haben wir uns an die langen Streckenkilometer unserer Tour de Soleil gewöhnt und ziehen unsere Ski unter den Füßen mechanisch nach. Oben angekommen sehen wir als erstes die Berner Alpen mit dem Aletschgletscher als weißen Koloss. Auf dem Hohsandhorn ist kein Gipfelkreuz, aber genug Platz, um sich in alle Richtungen zu drehen und zu staunen.

Im anfänglichen Firn, dann tiefem Sulz fahren wir zur Binntalhütte ab und übernachten dort. Vor dem Abendessen reiben wir unsere Gesichter mit Schnee ab, bis die Haut rosa schimmert. Auf der Binntalhütte gibt es nämlich kein fließend Wasser. Am nächsten Morgen fahren wir nach Fiesch ab, gondeln mit Bus und Bahn wieder zurück nach Realp.

Der Tödi ist mit 3.613 m die höchste Erhebung der Glarner Alpen. Wir nutzen das stabile Wetter nach der Tour de Soleil und fahren von Realp über den Walensee ins Glarner Land nach Linthal. Vom Urner Boden aus besteigen wir den Gämsfairenstock und fahren danach zur Fridolinshütte ab. Dort übernachten wir, um am nächsten Tag kurz vor Sonnenaufgang mit vielen weiteren Seilschaften aufzubrechen.

Als wir starten, ist es noch dunkel und ich sehe nur meinen Lichtkegel und die vielen tanzenden Lichtkegel der anderen Skitourengeher. Wir queren auf Höhe der Hütte und folgen dann dem Gletscher. Die Spalten sind so aufgeworfen, dass sie weit und weiß aus dem Gelände herausragen und wie ein eigenes Gebirge auf dem Hang wirken. Wir gelangen zu den beiden Eisbrüchen und tauschen unsere Ski gegen Steigeisen. Weil wir die Ski nachher noch brauchen, schnallen wir sie an den Rucksack.

In einer langen großen Rechtskurve kommen wir dem Tödi näher und stehen nach 5 Stunden auf dem Gipfel. Es windet und wir halten unsere Stöcke und unsere Rucksäcke fest, während wir versuchen, uns in das Gipfelbuch einzutragen.

Die Abfahrt ist für mich herausfordernd, weil wir die beiden Eisbrüche abfahren und nicht wie aufwärts mit Steigeisen begehen. Danach gibt es eine stärkende Brotzeit, damit die letzten langen Kilometer wieder zurück ins Linthal leichter gehen.

 

Text: Christl